1. Goldanschlag / Aktion   "ZAHN-GOLD-ZEIT-GOLD"
25.05.1990 - Albertinaplatz, Wien
 
Goldanschlag auf den Straßenwaschenden Juden von Alfred Hrdlicka
 
 
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 Vorarbeit:
 
  Nachdem Ort und Zeit des Goldanschlags bestimmt waren beschäftigte mich die Art der Ausführung.
   
  Im Titel der Aktion "ZAHN-GOLD-ZEIT-GOLD" manifestiert sich bereits die Ambivalenz des Goldes. Im Zahngold der Naziopfer und im Zeitgold der Unvergänglichkeit zeigt sich das "Doppelgold" durch den ältesten und effizientesten Recycelingsprozess der Menschheit. Der Titel und der Ort der Handlung sollten bereits genügen um einen öffentlichen Denkprozess auszulösen, war mein ursprünglicher Gedanke...
   

  



1.   Zwei schwarze Segeltücher sollten die Skulptur des Gedemütigten seitlich begleiten. Zwei schwarze Rechtecke, zwei Segel, zwei Blöcke, zwei Schutzzonen, zwei Tücher... In den 8 Ecken der zwei Tücher wurden 8 Steine vom Ölberg in Jerusalem eingebunden. Die liegende Acht als Lemniskate. Jeweils 4 Steine links und rechts des Gedemütigten, mit "Kontakt zum Goldenen Tor". Die Steine stammten aus der Stationierung meines 1. Transformators im Toten Meer, nördlich von Ein Bokek, Israel, am 4. Mai 1989. Zitat aus dem Katalog, bzw. der Projektdokumentation:
   
  "Tausch von Gold in Form von 3 Objekten gegen Salz und Wasser aus dem Toten Meer und 9 Steine vom Ölberg in Jerusalem, die im Angesicht des vermauerten Goldenen Tors gesammelt wurden".
   
  2.   Als Bindeelement für die 8 (Stein)Enden der 2 Segeltücher diente jeweils eine Lederschnur.
   






3.   Für das Gold verwendete ich Hasenhautleim Granulat und Goldbronze.
Die Verbindung von Leim und Goldbronzestaub geschieht in einem Wasserbad durch Erhitzen und Auflösen. Mittels schrubben mit heissem Wasser sollte die Skulptur später von mir wieder "vom Gold gereinigt" werden. Assoziationen zum Goldwaschen sollten frei werden...
Ich bezeichnete mein flüssiges Gold als "Bindehautgold". Dieser Begriff reflektiert auf die "Goldene (Ver)Blendung" und die Verbindung von Zeit, Mensch und Gold. Bindehautentzündung..., Hasenhaut Granulat bei der Polimentvergoldung..., Der (Gold)Hase im Werk von Joseph Beuys..., Die Tätowierung der KZ Naziopfer..., Meine Haut führte mich 1988 erstmals nach Israel, zum Toten Meer..., Der 12. März 1945. Die Zerstörung des Philipphofs durch amerikanische Luftangriffe. Das tödlich, siedend heiße Löschwasser...,  27 Opfer durch diese Löscharbeiten im Keller des ehemaligen Philipphofs, erfuhr ich viele Jahre später...
  Die Zeit verwandelt das Gelb der Goldbronze in Grün. Oxidation... Wandlung... Grünspan...
   


4.   Das Bindehautgold transportierte ich in drei schwarzen Maurerkübeln. Die drei Kübel wurden zuvor ineinander verklebt. Ein dreifacher Goldener Kelch aus banalem Recyceling Kunststoff Material...
   


5.   Zum verteilen und einmassieren des Goldes verwendete ich einen weißen Ziegenhaarpinsel. Im Stiel des Pinsels waren drei goldene Sterne eingeprägt.
   
  6.   Weiße Baumwollhandschuhe nahmen bei der Handlung das Bindehautgold auf.
   
  7.   Alternative Bekleidung und massiv goldene "Dukaten Doppelgold Brille" = Durchschautes Gold = Entblendung.
   


8.   Ein banaler Flugzettel vervielfältigte meine Gedanken zur Rückkehr des Goldes zur Erde. Flugzettel Assoziation: Blattgold (ver)fliegt durch den leichtesten Luftzug. Banale Assoziation: Die Geschichte und Herkunft des Goldes ist/war für die Menschen meist völlig uninteressant. Der banale Satz: "Irgendwie is Alles Gelb" polarisierte den Aktionstitel "ZAHN-GOLD-ZEIT-GOLD". Ein "banaler philosophisch emotioneller" Aufruf zur persönlichen Anteilnahme und Beteiligung an der Rückkehr des Goldes zur Erde...
   
   
 
  (Aszug aus der Staatspolizeilichen Niederschrift)
 

  

     
   
  (Flugblatt avers und revers. Weiss auf Schwarz...)
   
  Durch das, bereits in der Vorgeschichte erwähnte, Spannungsverhältnis von Demut und Schmerz schwankte auch der Inhalt meiner damaligen Texte und Werke zwischen objektiv-distanzierter und subjektiv-expressiver Gold Betrachtung.
   
  Meist führte das expressive Bauchgefühl die künstlerische Oberhand. Der Schmerzensschrei der globalen Geschichte der Goldvergangenheit war oft zu eindringlich, besonders in der Zeit meines Umbruchs, des Aufbruchs, der Loslösung vom bürgerlich geprägten Erbe familiärer Schmuck- und profaner wie sakraler Gerätgestaltung. Im Jahr 1999 beschrieben in der Magisterarbeit von Mag. Manuela Schmid:
   
  "Für Angerbauer, aufgewachsen in einer wohlgeordneten bürgerlichen Welt im oberösterreichischen Steyr, wo man begann, sich über die Zerstörung der Umwelt, insbesondere der Bergregionen, Gedanken zu machen, bedeuteten diese Eindrücke gleichzeitig Impulse für einen Erkenntnisprozeß und Ausgangspunkt für weitere Handlungsmotivation. Dabei wurden alle anderen Gedanken beiseite gelassen. Es wurde in diesem Moment seines Aufbruchs verdrängt, daß die positiven Eigenschaften des Goldes für Industrie und Medizin zum Beispiel, auch Nutzen bringen können."
   
  Der Wortlaut des obigen Flugzettels, der "Aufruf zur Rückkehr des Goldes zur Erde", ist ebenfalls in dieser Magisterarbeit im Kapitel "3. Motivation und moralischer Impuls" zitiert.
   
  Um mir, trotz der emotionalen Last, möglichst große objektive Distanz zu bewahren, wie auch als beiderseitige Schutzfunktion, hatte ich erst am Tag der Aktion, am 25.5.1990, den ersten visuellen Kontakt mit der Skulptur des Strassenwaschenden Juden.
   
  Wie es jedoch der Zufall so wollte, trat völlig ungeplant ein kurzer persönlicher Kontakt mit Alfred Hrdlicka auf dem Linzer Taubenmarkt in meinen Kunstweg ein - am 24.5.1990, dem Tag vor der Aktion.
Ich war auf dem Weg zur Parkgarage, da sah ich Hrdlicka bei einer Schaufensterbetrachtung verweilen. Innerlich erregt durch diesen Zufall ging ich überfallsartig auf ihn zu und teilte ihm mit, dass ich einen Goldanschlag auf sein Denkmal für Morgen plane, aber seinem Werk keinen Schaden zufügen möchte, und ein diesbezügliches Schreiben von mir eigentlich schon auf seinem Schreibtisch gelandet sein sollte. Er meinte darauf "Ich weis nicht ob ich dafür Zeit habe". Damit war die Sache für mich erledigt und ich fuhr wieder zurück nach Steyr. (Anm.: Hrdlicka war in Begleitung zweier Damen)
   
  Der "Bindehautgold" Brief an Hrdlicka vom 20.5.1990 (Per Eilboten):
   
                                          
   
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