1. Goldanschlag / Aktion   "ZAHN-GOLD-ZEIT-GOLD"
25.05.1990 - Albertinaplatz, Wien
 
Goldanschlag auf den Straßenwaschenden Juden von Alfred Hrdlicka
 
 
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 Vorgeschichte:
 
  Die Entscheidung meinen Lebensweg der Kunstarbeit am Goldbegriff zu widmen, führte Mitte der 80er Jahre dazu die Geschichte des Goldes auch aus der, historisch gesehen, jungen Goldvergangenheit des Zweiten Weltkriegs zu betrachten.
   
  Für das Nationalsozialistische Regime waren die Konzentrations- und Vernichtungslager nicht alleine primär als eine Menschen verachtende Todesmaschinerie konzipiert, sondern auch als perfide Material Gewinnungsanlage gedacht:
   
  "So wurde der Mord zum Geschäft. Das System der Ausbeutung und Verwertung des Menschen war lückenlos. Man beraubte ihn seiner Wertsachen und Kleider, tötete seine arbeitsunfähigen Familienangehörigen, benutzte seine Arbeitskraft bis zur totalen physischen Erschöpfung oder verstümmelte seinen Körper durch medizinische Experimente, zog noch aus der Leiche die Goldzähne und verwandte ihre Asche als Dünger. Man tötete die Menschen einzeln und wagonweise und führte Buch über den Mord, weil man wissen wollte, was man tat, weil es die Vorgesetzten wissen sollten und weil man nicht für möglich hielt, daß dies je ein Ende nehmen könnte."
(Aus: "Der Gelbe Stern" v. Gerhard Schoenberner, S.186)
   
  Die "Ressource KZ" als Goldmine. Glänzende Nazi Goldbarren aus dem Raubgold und Zahngold der Mordopfer. Genau dieses Gold - das Opfergold - direkt gewonnen aus den Gaskammern der Vernichtungslager, bewegte meinen gedanklichen wie emotionalen Zugang zur jüngeren Geschichte des Goldes.
   
  Und nicht alleine dieses Nazi Opfergold berührte mich damals zutiefst, auch die Opfer der stalinistischen Massenmorde traten in meinen Kunstweg ein:
   
  "Das staatliche sowjetische Fernsehen selbst war es, das jenen Bericht lieferte, der sich wohl als Bombe für die Aufarbeitung der stalinistischen Massenmorde in der UDSSR erweisen wird. Die Leichen von bis zu 300.000 Menschen, so heißt es in einem am Dienstag ausgestrahlten Beitrag, alles Opfer der stalinistischen Geheimpolizei NKWD, wurden in einer zum Massengrab umfunktionierten ehemaligen Goldmine im Südural bei Tscheljabinsk aufgefunden."
(Aus: "Archipel des Todes", AZ-Tagblatt 14.09.1989, S.5)
   
  Wissend über die einzigartige Gold Eigenschaft der "Unvergänglichkeit" (durch die immerwährende Raffinierung, Affinierung, Einschmelzung und Umschmelzung von Gold ist dies das älteste Recycelingverfahren der Menschheit) resultierte für mich aus der Verknüpfung von Zeit und Gold, bzw. der Goldgeschichte und Materialeigenschaft, die logische Erkenntnis und das Postulat der ethischen "Gold Unreinheit". Der Begriff "Reines Gold" erschien mir fragwürdig.
   
  Gleichzeitig stellte sich für mich die Frage in welcher Form dieses Opfergold in der Gegenwart erscheint und in welcher Menge es in den Zyklus des Goldhandels eingeschmolzen wurde. Beim kurzen Überschlag vom Gewicht eines Eherings oder einer Goldplombe in Multiplikation mit der Zahl der Naziopfer überkam mich das Grauen und damit die weitere Bestätigung für den tieferen Sinn meiner Arbeit am Goldbegriff.
   
  In den 80er Jahren war das Thema Nazigold/Raubgold/Opfergold/Totengold noch nicht reif für das Öffentliche Interesse. Die jüngere Goldvergangenheit war faktisch noch tabu, und mein konzeptuell-prozesshafter Kunstzugang war eher eine emotionelle Bauchgeburt als eine intellektuelle Kopfgeburt.
Ich konnte meinen bitteren Blick auf das Wissen um die Goldvergangenheit damals nur schwer artikulieren. Hat man das Wesen des Goldes in Verbindung mit der Menschheitsgeschichte in seiner Wahrheit einmal erkannt verändert sich auch die tägliche Sichtweise. Gold begleitet uns alle tagtäglich in vielfältigster Erscheinungsform. Sichtbar wie unsichtbar.
   
  Erscheint die Wahrheit und damit zuerst der Mensch beim Gedanken oder Anblick des Goldes bekommt das Gold eine neue Wertigkeit. Es wird berührend, wahr und erst damit schön!
   
  Bedrückt durch mein rhetorisches Defizit fühlte ich mich in meiner Arbeit blockiert. Da empfahl mir die Inspiration nicht zu sprechen sondern tätig darauf zu reagieren. Die Idee zu einem "Öffentlichen Goldanschlag" mit dem Titel "ZAHN-GOLD-ZEIT-GOLD" war geboren.
   
  Kunst ist die Verantwortung für die Inspiration. Es ist die Verantwortung zur Umsetzung der Idee in das begreifbare Leben, welche die Kunst durch einen Menschen in die Welt setzt und dann für weitere Menschen erlebbar macht. Er/lebbare Inspiration.
   
  Ich fühlte, daß ein öffentlicher Ort in Österreich mit direktem aktuellen Bezug, zu meiner Krieg-Zeit-Gold-Aufarbeitung, auf mich wartet. Zufällig kam ich mit Freunden bezüglich meines unbestimmten Ortsgefühls ins Gespräch und schon war der Wiener Albertinaplatz mit der Skulptur des Strassenwaschenden Juden von Alfred Hrdlicka in meinen Kunstweg eingetreten. Eine Skulptur als Symbol des gedemütigten und gequälten Menschen und des Beginns einer Menschen verachtenden und vernichtenden Mordindustrie, in den Konzentrations- und Vernichtungslagern des Nationalsozialistischen Regimes.
   
  Ich hatte die Skulptur noch nie zuvor gesehen und wollte diese Situation der Distanz als Schutzfunktion, bis zum Erstkontakt am Aktionstag, für mich bewahren.
   
  Da die Freunde bereits eine Wienfahrt planten, bat ich sie für mich eine Skizze der Skulptur mit den Abmessungen anzufertigen.

Als ich die Skizze erhielt überkam mich spontan das starke Gefühl auf einen goldenen Kelch zu blicken.

Diese Skizze war mein einziger visueller Zugang zum Ort des geplanten Goldanschlags.

Bei der Übergabe der Skizze wurde mir berichtet, dass die Skulptur auch als "Jausenplatz" von augenscheinlich unwissenden Touristen benutzt/missbraucht wurde. Für mich eine weitere Bestätigung der richtigen Wahl des Aktionsortes.
   
  Der Gedanke das Symbol eines gedemütigten Menschen zu vergolden erfüllte mich mit einem Gefühl sprachloser Demut und gleichzeitig mit dem Schmerz eines globalen Aufschreis derjenigen Menschen, deren Leid im Opfergold für immer eingeschmolzen bleiben wird.
   
  Stille Demut und lauter Schrei, daß war das Spannungsverhältnis,
das mich in meiner darauf folgenden Arbeit zur Realisierung der Aktion "ZAHN-GOLD-ZEIT-GOLD" begleitete.
   
   
   
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